Entscheidendes

 
Gott bietet jedem Menschen
die Wahl, entweder nach Wahrheit zu streben
oder nach Behaglichkeit.

Nimm dir, welches du willst –

doch du kannst nicht beides haben.
 

Albert Schweitzer

 

Voranstellen möchte ich mein Lieblingsgedicht

 

von  Rainer Maria Rilke

 
Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris
 
 
 
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müde geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
 
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein grosser Wille steht.
 
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf--. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille--
und hört im Herzen auf zu sein.
 
From Neue Gedichte (1907)
 
 
  

Katze in der leeren Wohnung
von Wislawa Szymborska, übersetzt von Karl Dedecius

Sterben - das tut man einer Katze nicht an,
Denn was soll die Katze
in einer leeren Wohnung.
An den Wänden hoch,
sich an Möbeln reiben.
Nichts scheint sich hier verändert zu haben,
und doch ist alles anders.
Nichts verstellt, so scheint es,
und doch alles verschoben.
Am Abend brennt die Lampe nicht mehr.

Auf der Treppe sind Schritte zu hören,
aber nicht die.
Die Hand, die den Fisch auf den Teller legt,
ist auch nicht die, die es früher tat.

Hier beginnt etwas nicht
zur gewohnten Zeit.
Etwas findet nicht statt,
wie es sich gehört hätte.
Jemand war hier und war,
dann verschwand er plötzlich
und ist beharrlich nicht da.

Alle Schränke durchforscht.
Alle Regale durchlaufen.
Unter Teppichen geprüft.
Trotz des Verbots
die Papiere durchstöbert.
Was bleibt da noch zu tun.
Schlafen und warten.

Komme er nur,
zeige er sich.
Er wird´s schon erfahren.
Einer Katze tut man sowas nicht an.
Sie wird ihm entgegenstolzieren,
so, als wollte sie´s nicht,
sehr langsam,
auf äußerst beleidigten Pfoten.
Noch ohne Sprung, ohne Miau.

 

 

hier bin ich !

meine Sicht von Mensch und Natur
 

die kleine Freude 

ist genügsam

im kleinsten Augenblick

im winzigen Flügelschlag

im wiegenden Halm

in der Lust der Kreatur

und manchmal auch in mir
 

 
Spätsommer ( 1986, nach Tschernobyl)
 

Wenn die Tage sich verkürzen

sättigen sich hungrige Blicke

an blonden Feldern

atmen sich Nikotinlungen

durch tanzende Schwärme

kleiner Plagegeister

winziges Treiben am Boden

Mikrowelt 

für weit geöffnete Augen

die Ahnung von Unbehagen

unter der bunten Schönheit
 

 

 

Herbst

 
Ich hab ihn nie geliebt

diese Ankündigung

drohenden Verfalls

Geruch von Verwesung

Laub unter meinen Füssen

langes Dunkel

Berührungen mit der Natur

sind mir schmerzlich
 

 

Liebesgedicht an einen Kater

 

Du mein lieber Kater

aber nein, du gehörst nur dir

erlaubst mir nur
an deinem Leben teilzuhaben

nimmst gnädig meine Gaben

ich hab ein zärtliches Gefühl

wenn ich dir zusehe
du bist nur du selbst
ohne den Zwang , der andern aufgebürdet

gehst deinen Weg

wie nur du es willst
und bezauberst mich
durch dein Vorhandensein
ich hab dich lieb
mein Jonathan

ich hab ein zärtliches Gefühl

 

 
Hundewinterspaziergang (an der Aller)
 

Januarsturm fegt über die Felder

am Fluß
voran die Großen pferdegleich
geschnaubte weiße Wölkchen
rotnasig ringe ich nach Luft
der Himmel so unendlich weit
Wolken wie gewaltige Urwesen
ziehen schnell so schnell

lassen uns treiben

eins mit dem Sturm

Schwanenfamilie wachsam die Hälse reckt
im spiegelnden Wasser   
rau krächzt der Reiher
und streicht ab

schlicht und karg

Landschaft reduziert

auf die Elemente 

 

 

Treibjagd

 

Der Hase hatte überlebt

Und dachte voll Zorn
Dass er niemals
Der Jäger sein würde
 

 
Hoffnung
 
Alte Gedanken fallen herab
wie Schneeflocken
ich fege sie zur Seite
nicht kraftvoll genug
einige bleiben
aber die Sonne hat
schon mittags mehr Kraft
 
  
Lebensfreude
 
Taumeln lachen staunen
glänzende Augen aufgerissen
wie ein Kind am Heiligabend
Lebensfreude Liebe
wie schön zu leben !
 
 
Großstadt
 

allein und unbeachtet

im Schwatzen Kichern Motorlärm

verwegne Kleider laute Musik
und Straßenmaler
Kinder kreischen Hunde kläffen

baden

und versinken
tauchen und erfrischt
dahinten an der Ruhe feilen.