|
|
|
off to school, 1883 Barber, Charles Burton |
|
|
Er war nur ein kleiner Hund
von Paul Filipp
Das ging so ein ganzes Jahr lang. Dann wurden die Liebkosungen des Menschen spärlicher. Er schien immer unruhiger zu werden. Aber da er niemals vergaß, seinem kleinen Freund das Futter hinzustellen, machte der sich keine Sorgen. Ab und zu wurde er auch noch gestreichelt. Menschen waren und dachten eben anders als Hunde! So sprang er ihm immer wieder voller Freude entgegen, ja er schrie förmlich vor Freude, wenn er hörte, daß der Riesengroße nach Hause kam, der ihm leicht auf den Rücken klopfte und beruhigend, wenn auch etwas abwesend sagte: »Ja, ja! Ist ja gut!« Dann kam die Urlaubszeit. Die erste im Leben des kleinen Hundes, der vor Aufregung leise jaulend neben seinen Herrn in das Auto gesetzt wurde, das er schon kannte. Er versuchte, sich möglichst nahe an den geliebten Menschen heranzudrängen, aber der schob ihn so unsanft zurück, daß der kleine Hund bestürzt zu ihm aufsah. Er ahnte nicht, daß sein Herr daran dachte, daß er wahrscheinlich überall nur Unannehmlichkeiten mit dem Tier haben und nie ganz frei sein würde. Er konnte ihn sicher nicht allein in dem fremden Hotelzimmer lassen, und er konnte und wollte ihn auch nicht dauernd mit sich herumschleppen. Der kleine Hund, der verunsichert vorsichtig mit der Pfote nach ihm tappte, erschien ihm auch längst nicht mehr so nett, wie damals als er ihn in einem Schaufenster sah und kurz entschlossen kaufte, weil er sich gerade sehr einsam fühlte. Aber im Urlaub wollte er Bekanntschaften machen. Er wollte, nun ja, was halt alle im Urlaub wollen. Der kleine Hund war plötzlich eine Last für ihn, und er begann zu überlegen, wie er ihn loswerden könnte. Als eine gut übersichtliche Strecke kam und er ganz sicher war, daß vor und hinter ihm niemand fuhr, faßte er den kleinen Freund plötzlich im Genick, der ihn zutraulich ansah und versuchte, rasch noch seine Hand zärtlich zu lecken, warf ihn kurzerhand aus dem Wagen und fuhr davon, ohne sich noch einmal umzusehen. Der kleine Hund überschlug sich, aber er hatte keine Verletzung davongetragen. Er stand da, sah dem Wagen nach, der hinter einer dünnen Staubwolke immer kleiner wurde, und verstand die Welt nicht mehr. Sicher würde der Wagen gleich wiederkommen. Sicher war das nur ein Versehen. Vielleicht ein etwas grober Scherz wie damals, als er ihn in ein tiefes Wasser geworfen hatte, um zu sehen, ob er schwimmen könne. Sicher würde er wieder besonders gestreichelt werden. Er würde warten, wie er schon so oft gewartet hatte. Er setzte sich an den Rasenrand der Straße. Er war nicht mehr der Jüngste, was ihm sein Herr nicht angesehen hatte. Seine Augen waren bereits etwas getrübt, aber er wußte, daß der Wagen, auf den er wartete, grün war. Manilagrün, wie die Menschen das nannten. Jedesmal, wenn ein grüner Fleck in der Ferne auftauchte, richtete sich der kleine Hund auf, spitzte die Ohren und wedelte unsicher mit dem Schwanz. Er lief ganz nah an die Fahrbahn. Sicher würde dieser Wagen, den er nur etwas verschwommen sehen konnte, halten und er würde schnell hineinspringen und alles würde wieder so sein wie früher. Aber der Wagen fuhr vorbei. Und der nächste grüne Wagen auch. Der kleine Hund war verzweifelt. Er winselte leise. Was sollte aus ihm werden? Er hatte doch niemanden auf dieser schrecklich großen, fremden Welt außer diesem Menschen, der in dem grünen Wagen davongefahren war. Es kamen noch zehn grüne Wagen, es kamen zwanzig verschwommen grüne Wagen. Der kleine Hund wurde immer verzweifelter. Er lief so nahe wie möglich an die Fahrbahn heran und dann plötzlich wußte er es: Das war sicher immer derselbe Wagen. Er fuhr nur immer wieder an ihm vorbei. Wenn der nächste grüne Wagen kam, würde er einfach hineinspringen und dann würde alles wieder gut sein. Er spannte seine müden Muskeln, duckte sich, als der nächste verschwommen grüne Wagen heranbrauste, und sprang. Den Aufprall spürte er nur ganz kurz. Dann wurde er auf die Fahrbahn geschleudert und der nächste Wagen machte einen zottigen, blutigen Fleck aus ihm. Einen Fleck, der doppelt so groß war wie der kleine Hund. Der tote Hund sah jetzt viel größer aus, so wie Tote für uns immer größer werden, wenn man nichts mehr an ihnen gutmachen kann. Gefunden im Internet |
|
|
|
"Er ist mein drittes Auge, das über die Wolken blickt, mein drittes Ohr, das über die Winde lauscht. Er ist Teil von mir, der sich bis zum Meer erstreckt. Wie er sich an meine Beine lehnt, beim leisesten Lächeln mit dem Schwanz wedelt, seinen Schmerz zeigt, wenn ich ohne ihn ausgehe ..., sagt mir tausendmal, dass ich der einzige Grund seines Daseins bin. Habe ich Unrecht, verzeiht er mir mit Wonne. Bin ich wütend, bringt er mich zum Lachen. Bin ich glücklich, wird er vor Freude fast verrückt. Mache ich mich zum Narren, sieht er darüber hinweg. Gelingt mir etwas, lobt er mich. Ohne ihn bin ich nur einer unter vielen. Mit ihm bin ich stark. Er ist die Treue selbst. Er lehrt mich die Bedeutung der Liebe. Durch ihn erfahre ich seelischen Trost und inneren Frieden. Er lehrt mich verstehen, wo vorher nur Ignoranz war. Sein Kopf auf meinen Knie heilt meine menschlichen Schmerzen. In seiner Gegenwart habe ich keine Angst vor Dunkelheit und Unbekanntem. Er versprach, auf mich zu warten...wann und wo auch immer ... ich könnt ihn ja brauchen. Und ich brauche ihn - wie ich es immer getan habe. Er ist eben mein Hund." (Gene Hill) |
|
|
|
Der Bettler und sein Hund
“Drei Taler erlegen für meinen Hund!
So
schlage das Wetter mich gleich in den Grund!
Was
denken die Herrn von der Polizei?
Was
soll nun wieder die Schinderei?
Ich
bin ein alter, kranker Mann,
Der
keinen Groschen verdienen kann;
Ich
habe nicht Geld, ich habe nicht Brot,
Ich
lebe ja nur von Hunger und Not.
Und
wann ich erkrankt, und wann ich verarmt,
Wer
hat sich da noch meiner erbarmt?
Wer
hat, wann ich auf Gottes Welt
Allein mich fand, zu mir sich gesellt?
Wer
hat mich geliebt, wann ich mich gehärmt?
Wer, wann ich fror, hat mich gewärmt?
Wer
hat mit mir, wann ich hungrig gemurrt,
Getrost gehungert und nicht geknurrt?
Es
geht zur Neige mit uns zwein;
Es
muß, mein Tier, geschieden sein!
Du
bist, wie ich, nun alt und krank;
Ich
soll dich ersäufen, das ist der Dank!
Das
ist der Dank, das ist der Lohn!
Dir
geht´s wie manchem Erdensohn.
Zum
Teufel! Ich war bei mancher Schlacht;
Den
Henker habe ich noch nicht gemacht.
Das
ist der Strick, das ist der Stein,
Das
ist das Wasser, - es muß ja sein.
Komm her, du Köter, und sieh mich nicht an,
Noch nur ein Fußstoß, so ist es getan!”
Wie
er in die Schlinge den Hals ihm gesteckt,
Hat
wedelnd der Hund die Hand ihm geleckt;
Da
zog er die Schlinge sogleich zurück
und
warf sie schnell um sein eigen Genick.
Und
tat einen Fluch, gar schauderhaft,
und
raffte zusammen die letzte Kraft
Und
stürzt´ in die Flut sich, die tönend stieg,
Im
Kreise sich zog und über ihm schwieg.
Wohl sprang der Hund zur Rettung hinzu
Wohl heult´ er die Schiffer aus ihrer Ruh,
Wohl zog er sie windelnd und zerrend her;
Wie
sie ihn fanden, da war er nicht mehr.
Er
ward verscharret in stiller Stund,
Es
folgt´ ihm winselnd nur der Hund;
Der
hat, wo den Leib die Erde deckt,
Sich hingestreckt und ist da verreckt.
Adalbert von Chamisso
|
|
|
|
"Das
Märchen von der traurigen Traurigkeit" stammt von der
Gestalttherapeutin Inge Wuthe
und findet sich auch in dem Märchenbuch "Alle Farben dieser Welt" aus dem Lucy Körner Verlag. |
| Das
Märchen von der traurigen Traurigkeit Es war eine kleine Frau, die den staubigen Feldweg entlang kam. Sie war wohl schon recht alt, doch ihr Gang war leicht, und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens. Bei der zusammengekauerten Gestalt blieb sie stehen und sah hinunter. Sie konnte nicht viel erkennen. Das Wesen, das da im Staub des Weges saß, schien fast körperlos. Es erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen. Die kleine Frau bückte sich ein wenig und fragte: " Wer bist Du?" Zwei fast leblose Augen blickten müde auf. "Ich? Ich bin die Traurigkeit", flüsterte die Stimme stockend und so leise, dass sie kaum zu hören war. "Ach, die Traurigkeit!" rief die kleine Frau erfreut aus, als würde sie eine alte Bekannte begrüßen "Du kennst mich?" fragte die Traurigkeit misstrauisch. "Natürlich kenne ich Dich! Immer wieder einmal hast Du mich ein Stück des Weges begleitet. "Ja, aber..." argwöhnte die Traurigkeit, "warum flüchtest Du dann nicht vor mir? Hast Du keine Angst?" "Warum sollte ich vor Dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selbst nur zu gut, dass Du jeden Flüchtigen einholst. Aber, was ich Dich fragen will: "Warum siehst Du so mutlos aus?" "Ich.. bin traurig", antwortete die graue Gestalt mit brüchiger Stimme. Die kleine, alte Frau setzte sich zu ihr. "Traurig bist Du also," sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. "Erzähl mir doch, was Dich so bedrückt." Die Traurigkeit seufzte tief. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuhören wollen? Wie oft schon hatte sie sich das schon gewünscht. "Ach, weißt Du," begann sie zögernd und äußerst verwundert; "es ist so, dass mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest." Die Traurigkeit schluckte schwer. "Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen. Sie sagen: papperlapapp, das Leben ist heiter. Und ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot. Sie sagen: gelobt sei, was hart macht. Und dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie sagen: man muss sich zusammenreißen. Und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken. Sie sagen: Nur Schwächlinge weinen. Und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe. Oder sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müsse." "Oh, ja," bestätigte die alte Frau, "solche Menschen sind mir schon oft begegnet." Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen. "Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. ich helfe ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig ist, hat eine ganz besonders dünne Haut. Manches Leid bricht wieder auf wie eine schlecht verheilte Wunde, und das tut schon sehr weh. Aber nur, wer die Trauer zulässt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, dass ich ihnen dabei helfe, statt dessen schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit zu." Die Traurigkeit schwieg. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich ganz verzweifelt. Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in die Arme. Wie weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel. "Weine nur, Traurigkeit," flüsterte sie liebevoll, "ruh Dich aus, damit Du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr allein wandern. Ich werde Dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr an Macht gewinnt." Die Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gefährtin: "Aber ... aber - wer bist eigentlich Du?" "Ich?" sagt die kleine, alte Frau schmunzelnd, und dann lächelte sie wieder so unbekümmert wie ein kleines Mädchen. "Ich bin die Hoffnung." |
|
|
Heinrich Seidel
![]() |
Helenchen und der Kettenhund |
|
Im Sommer wurden wir von Onkel Nebeldahl auf sein Gut eingeladen. Er
hatte einen ungemein bösen Kettenhund namens „Wasser“ , der einzig und allein
vor dem Onkel und vor dem Mann, der die Kühe fütterte und auch in mit Nahrung
versorgte, Achtung hatte.
Die übrige Menschheit, ohne alle Ausnahme, biß er in die Waden, wenn er ihrer
habhaft werden konnte.
Diese bösartige Naturanlage hatte ihm, nachdem er eine genügende Anzahl von Kindern
und großen Leuten geschädigt hatte, eine dauernde Anstellung als Kettenhund eingetragen.
Die ewige Gefangenschaft, die solcher Beruf mit sich brachte, hatte sein Gemüt
natürlich nur noch mehr verdüstert.
So lebte er denn in seiner geräumigen Hütte einsam als Sonderling und Menschenfeind.
Er kannte keine andere Freude, als, sobald ein fremder Mensch den Hof betrat,
an der rasselnden Kette , einem Teufel gleich herumzutoben und zu rasen und seinem
sinnlosen Zorn und Ingrimm durch ein wütendes Gebell und durch Beißen in die Steine
Luft zu machen.
Deshalb war rings um seine Hütte ein tiefausgetretener Kreis, und in diesen wagte sich
weder Mensch noch Tier, mit Ausnahme der frechen Sperlinge, die vor nichts in der Welt Achtung haben.
Nun wurde am zweiten Tage unserer Anwesenheit auf dem Gut bald nach Tisch bemerkt,
dass unsere Helene verschwunden war. Man suchte und rief sie im Haus und im Garten,
allein es kam keine Antwort.
Endlich sah jemand zwei zierliche Kinderstiefel neben dem Kopf des bösen Kettenhundes, der scheinbar tückisch brütend in seiner Hütte lag.
Ein tödlicher Schreck befiel uns alle, als dies bekannt wurde.
Meine Frau wurde leichenblaß, und selbst der Onkel verfärbte sich. Er ging allein auf
die Hütte zu und wies uns an, im Hintergrund zurückzubleiben. Der Hund richtete sich
auf, als er seinen Herrn sah, fletschte die Zähne und knurrte bedenklich.
In diesem Augenblick vermochte sich meine Frau nicht mehr zu halten und rief mit
lauter Stimme : „Helene ! Helene !
Da rappelte sich in der Hütte etwas empor, und neben dem zottigen Kopf des Hundes
erschien das rosige Antlitz des kleinen Mädchens. Es rieb sich anfangs ein wenig
verschlafen die Augen und sah dann, vor Glück strahlend, auf uns hin.
Die Mutter wagte nicht mehr zu rufen, sondern winkte nur eindringlich mit der Hand.
Da sagte die kleine Helene zu ihrem Nachbarn : „ Adjö, Hund, nun muß ich wieder
zu meiner Mama“ , und dabei tätschelte sie ihm den zottigen Kopf, während
der Hund gerührt winselte, ihr die Hand zu lecken versuchte und mit dem Schwanz
wedelte, wie man aus dem Klopfen gegen die Wand der Hütte vernehmen konnte.
Dann , als sie ruhige und seelenvergnügt zu uns ging, folgte ihr der Hund bis an
den Kreis, der die Grenzen seines Reiches bezeichnete , und winselte ihr nach.
Nachher erzählte Helene : „ Ich war so traurig von dem Hund, dass er immer
so allein ist und an der Kette und kann gar nich rumspringen wie Karo und
Fips und Bergmann. Und da bin ich hingegangen und hab ihm schöne Blumen
gepflückt. Die mocht´ er aber gar nich leiden und hat sich gar nich gefreut.
Und da war seine Wasserschale leer, und er hatte immer die Zunge raus und
den Mund auf und machte immer so“ sie ahmte das Jickern eines Hundes nach.
„Und dann bin ich an den Trog gegangen und hab ihm Wasser in seine Schale
gefüllt. Und das hat er all ausgetrunken und seine Zunge wie einen Löffel
dabei gemacht, und er hat immer schlapp, schlapp, schlapp gemacht .
Und dann sind wir in sein Haus gegangen, und da hab ich ihm die Geschichte
von dem Wau-Wau und dem Mählamm erzählt.
Die mocht´ er wohl gern leiden und hat immer mit´n Schwanz an seine
Hütte geklopft. Und dann haben wir beide ´n bisschen geschlafen.
Und dann hat mich Mama gerufen. Und nun ist die Geschichte aus.“
|
|
|
|
Hermann Hesse
![]() |
Der Wolf |
|
Noch nie war in den französischen Bergen ein so unheimlich kalter und langer Winter gewesen.
Seit Wochen stand die Luft klar, spröde und kalt. Bei Tage lagen die großen, schiefen Schneefelder mattweiß und trostlos unter dem grellblauen Himmel, nachts ging klar
und klein der Mond über sie hinweg, ein grimmiger Frostmond von gelbem Glanz,
dessen starkes Licht auf dem Schnee blau und dumpf wurde und wie der leibhaftige
Frost aussah.
Die Menschen mieden alle Wege und namentlich die Höhen, sie saßen träge und schimpfend in den Dorfhütten, deren rote Fenster nachts neben dem blauen
Mondlicht rauchig trüb erschienen und bald erloschen.
Das war eine schwere Zeit für die Tiere der Gegend. Die kleineren erfroren in Mengen, auch Vögel erlagen dem Frost, und die hageren Leichname fielen den Habichten und
Wölfen zur Beute.
Aber auch diese litten furchtbar an Frost und Hunger. Es lebten nur wenige Wolfsfamilien dort, und die Not trieb sie zu engerem Verband.
Tagsüber gingen sie einzeln aus. Da und dort strich einer über den Schnee, mager, hungrig und wachsam, lautlos und scheu wie ein Gespenst.
Sein schmaler Schatten glitt neben ihm über die Schneefläche.
Spürend reckte er die spitze Schnauze in den Wind und ließ zuweilen ein trockenes, gequältes Geheul vernehmen. Abends aber zogen sie vollzählig aus und drängten
sich mit heiserem Geheul um die Dörfer. Dort waren Vieh und Geflügel wohlverwahrt,
und hinter festen Fensterläden lagen Flinten angelegt.
Nur selten fiel eine kleine Beute, etwa ein Hund, ihnen zu, und zwei aus der Schar waren schon erschossen worden.
Der Frost hielt immer noch an. Oft lagen die Wölfe still und brütend beisammen, einer am anderen sich wärmend, und lauschten beklommen in die tote Öde hinaus, bis einer,
von den grausamen Qualen des Hungers gefoltert, plötzlich mit schauerlichem
Gebrüll aufsprang.
Dann wandten alle anderen ihm die Schnauze zu, zitterten und brachen miteinander
In ein furchtbares, drohendes und klagendes Heulen aus.
Endlich entschloss sich der kleinere Teil der Schar zu wandern.
Früh am Tage verließen sie ihre Löcher, sammelten sich und schnoberten erregt und angstvoll in die frostklare Luft. Dann trabten sie rasch und gleichmäßig davon.
Die Zurückgebliebenen sahen ihnen mit weiten, glasigen Augen nach, trabten ein paar Dutzend Schritte hinterher, blieben unschlüssig und ratlos stehen und kehrten
langsam in ihre leeren Höhlen zurück.
Die Auswanderer trennten sich am Mittag voneinander. Drei von ihnen wandten sich östlich dem Schweizer Jura zu, die anderen zogen südlich weiter.
Die drei waren schöne, starke Tiere, aber entsetzlich abgemagert. Der eingezogene,
helle Bauch war schmal wie ein Riemen, auf der Brust standen die Rippen jämmerlich
heraus, die Mäuler waren trocken und die Augen weit und verzweifelt.
Zu dreien kamen sie weit in den Jura hinein, erbeuteten am zweiten Tage
einen Hammel, am dritten einen Hund und ein Füllen und wurden von allen Seiten
her wütend vom Landvolk verfolgt. In der Gegend , welche reich an Dörfern und
Städtchen ist, verbreiteten sich Schrecken und Scheu vor den ungewohnten Eindringlingen.
Die Postschlitten wurden bewaffnet, ohne Schießgewehr ging niemand von einem
Dorf zum anderen. In der fremden Gegend , nach so guter Beute, fühlten sich
die drei Tiere zugleich scheu und wohl, sie wurden tollkühner als je zu Hause
und brachen am hellen Tag in den Stall eines Meierhofes.
Gebrüll von Kühen, Geknatter splitternder Holzschranken, Hufegetrampel und heißer,
lechzender Atem erfüllten den engen, warmen Raum.
Aber diesmal kamen Menschen dazwischen.
Es war ein Preis auf die Wölfe gesetzt, das verdoppelte den Mut der Bauern.
Und sie erlegten zwei von ihnen, dem einen ging ein Flintenschuss durch den Hals,
der andere wurde mit einem Beil erschlagen. Der dritte entkam und rannte so lange,
bis er halbtot auf den Schnee fiel.
Er war der jüngste und schönste von den Wölfen, ein stolzes Tier von mächtiger
Kraft und gelenken Formen. Lange blieb er keuchend liegen.
Blutigrote Kreise wirbelten vor seinen Augen, und zuweilen stieß er ein pfeifendes,
schmerzliches Stöhnen aus. Ein Beilwurf hatte ihm den Rücken verletzt.
Doch erholte er sich und konnte sich wieder erheben. Erst jetzt sah er, wie weit
er gelaufen war. Nirgends waren Menschen oder Häuser zu sehen.
Dicht vor ihm lag ein verschneiter mächtiger Berg. Es war der Chasseral.
Er beschloss, ihn zu umgehen. Da der Durst ihn quälte, fraß er kleine Bissen von
der gefrorenen, harten Kruste der Schneefläche.
Jenseits des Berges traf er sogleich auf ein Dorf. Es ging gegen Abend. Er wartete
in einem dichten Tannenforst. Dann schlich er vorsichtig um die Gartenzäune,
dem Geruch warmer Ställe folgend. Niemand war auf der Straße.
Scheu und lüstern blinzelte er zwischen den Häusern hindurch. Da fiel ein Schuss.
Er warf den Kopf in die Höhe und griff zum Laufen aus, als schon ein zweiter
Schuss knallte. Er war getroffen.
Sein weißlicher Unterleib war an der Seite mit Blut befleckt, das in dicken Tropfen
zäh herabträufelte.
Dennoch gelang es ihm, mit großen Sätzen zu entkommen und den jenseitigen Bergwald
zu erreichen. Dort wartete er horchend einen Augenblick und hörte von zwei Seiten
Stimmen und Schritte . Angstvoll blickte er am Berg empor.
Er war steil, bewaldet und mühselig zu besteigen. Doch im blieb keine Wahl.
Mit keuchendem Atem klomm er die steile Bergwand hinan, während unten ein Gewirre
von Flüchen, Befehlen und Laternenlichtern sich den Berg entlang zog.
Zitternd kletterte der verwundete Wolf durch den halbdunklen Tannenwald,
während aus seiner Seite langsam das braune Blut hinabrann.
Die Kälte hatte nachgelassen. Der westliche Himmel war dunstig und schien
Schneefall zu versprechen.
Endlich hatte der Erschöpfte die Höhe erreicht. Er stand nun auf einem leicht geneigten, großen Schneefelde nahe bei Mont Crosin, hoch über dem Dorfe,
dem er entronnen.
Hunger fühlte er nicht, aber einen trüben, klammernden Schmerz von den Wunden.
Ein leises, krankes Gebell kam aus seinem hängenden Maul, sein Herz schlug schwer
und schmerzhaft und fühlte die Hand des Todes wie eine unsäglich schwere Last
auf sich drücken.
Eine einzeln stehende, breitästige Tanne lockte ihn; dort setzte er sich nieder und
starrte trübe in die graue Schneenacht. Eine halbe Stunde verging.
Nun fiel ein mattrotes Licht auf den Schnee, sonderbar und weich. Der Wolf
erhob sich stöhnend und wandte den schönen Kopf dem Licht entgegen. Es war
der Mond, der im Südost riesig und blutrot sich erhob und langsam am trüben
Himmel höher stieg. Seit vielen Wochen war er nie so rot und groß gewesen.
Traurig hing der Blick des sterbenden Tieres an der matten Mondscheibe, und wieder
röchelte ein schwaches Heulen schmerzlich und tonlos in die Nacht.
Da kamen Lichter und Schritte nach.
Bauern in dicken Mänteln, Jäger und junge Burschen in Pelzmützen und mit plumpen
Gamaschen stapften durch den Schnee. Gejauchze erscholl.
Man hatte den verendenden Wolf entdeckt, zwei Schüsse wurden auf ihn abgedrückt,
beide fehlten. Dann sahen sie, dass er schon im Sterben lag, und fielen mit Stöcken
und Knütteln über ihn her.
Er fühlte es nicht mehr.
Mit zerbrochenen Gliedern schleppten sie ihn nach St. Immer hinab. Sie lachten,
prahlten, sie freuten sich auf Schnaps und Kaffee, sie sangen, sie fluchten.
Keiner sah die Schönheit des verschneiten Forstes, noch den Glanz der Hochebene,
noch den roten Mond, der über dem Chasseral hing und dessen schwaches Licht
in ihren Flintenläufen, in den Schneekristallen und in den gebrochenen
Augen des erschlagenen Wolfes sich brach.
|
|
